Die Fans huldigten Andreas Wolff mit „Andi“-Sprechchören, seine Mitspieler applaudierten dem Helden des Abends: Deutschlands Handballer haben sich nach einer unwirklichen Paraden-Show ihres Torhüters zwei Matchbälle für das Halbfinale der Handball-EM 2026 erkämpft. Die DHB-Männer von Bundestrainer Alfred Gislason rangen Norwegen mit 30:28 (15:17) nieder und holten die nächsten Punkte auf dem Weg zum ersehnten Edelmetall.
Deutschland schlägt Norwegen
Wolff hielt sein Team, das offensiv lange mit großen Problemen zu kämpfen hatte, mit atemberaubenden Aktionen immer wieder im Spiel und kam nach 60 Minuten auf sagenhafte 22 Paraden. Mitte der zweiten Hälfte senkte die DHB-Auswahl ihre extrem hohe Fehlerquote dann auch im Angriff und zog das Spiel angeführt von Marko Grgic noch auf ihre Seite. Zum besten Werfer vor 10.117 Zuschauern in der Jyske Bank Boxen avancierte Grgic – er erzielte all seine sieben Treffer nach dem Seitenwechsel.
Dies gestaltete sich zunächst allerdings schwierig. Hinten entschärfte Wolff zwar direkt zwei freie Würfe, doch im Angriff fehlte es an Präzision. Vier DHB-Fehlwürfe in den ersten sieben Minuten, dazu ein gut aufgelegter Sander Sagosen führten zu einem schnellen 2:5-Rückstand (10.). „Vorne ist unser Problem, wir machen zu wenig Tore“, moserte Gislason in der Auszeit und forderte „mehr Lockerheit“ von seinem Team. In der Folge war es zunächst weiter vor allem Wolff, der sich mit all seiner Klasse gegen die flinken Skandinavier stellte. Als seine Vorderleute nach einer seiner nächsten Paraden den Abpraller nicht sicherten, brüllte er lauthals seinen Frust heraus. Ein Weckruf, der Wirkung zeigte.
Gislason stellte um, brachte mit Nils Lichtlein für Juri Knorr, Franz Semper für Renars Uscins und Julian Köster für Schluroff frisches Personal für die Offensive – und sorgte damit für neuen Schwung. Vor allem Semper lief heiß, sein vierter Treffer im vierten Versuch bedeutete nach 20 Minuten die deutsche Führung (11:10). Wolffs Fangquote lag zu diesem Zeitpunkt bei wahnwitzigen 50 Prozent. Wolff blieb auf deutscher Seite der auffälligste Akteur, etliche weitere Fehlwürfe kosteten aber ein besseres Halbzeitergebnis. Statt mit einer Führung in die Pause zu gehen, lag Deutschland mit zwei Toren hinten. „Das kann man nicht so richtig erklären. Wir sind alle ein bisschen überrascht“, sagte Lichtlein im Ersten. Man müsse „dankbar“ sein, Wolff zu haben. „Er rettet uns immer wieder den Arsch.“
Es klingt verrückt, aber Wolff wurde mit Beginn der zweiten Halbzeit noch besser. Mit dem Bein, mit der Schulter, mit der Brust: Der deutsche Keeper hielt nun fast alles – Deutschland berauschte sich nun an den Heldentaten des Torhüters und führte nach 40 Minuten plötzlich mit 20:19. Vor allem der eingewechselte Grgic riss die Partie offensiv nun an sich. Der Flensburger Rückraumspieler stellte mit seinem fünften Treffer (im sechsten Versuch) auf 25:21 (49.), die deutschen Fans jubelten.
Deutschland – Norwegen 30:28 (15:17).
Deutschland: Wolff, Späth – Grgic (7 Tore), Zerbe (5/2 Siebenmeter), Golla (5), Semper (4), Lichtlein (3/2), Uscins (2), Mertens (1), Dahmke (1), Knorr (1), Kohlbacher (1), Kiesler, Köster, Fischer, Schluroff. Norwegen: Haug, Bergerud – Sagosen (5), Pedersen (5/3), Gulliksen (5), Schönningsen (3), Anderson (3), Gröndahl (2), Hovde (2), Lyse (2), Fredriksen (1), Eck Aga, Rönningen, Lien, Solstad, Blonz. Schiedsrichter: Jonas Eliasson, Anton Palsson (Island). Strafminuten: 6 – 6. Zuschauer: 10.117 in Herning.
Liveticker: Deutschland gegen Norwegen
Unser Liveticker zum Hauptrunden-Spiel zwischen Deutschland gegen Norwegen beginnt am Donnerstag, den 24. Januar 2026. Unser Tipp: Während des Spiels könnt ihr die einzelnen Aktionen mit euren Interaktionen füttern, an Umfragen teilnehmen, in einem Quiz euer Wissen testen und dadurch interaktiv an dem Spiel teilnehmen.
Ohne Häseler und Langhoff gegen Norwegen
Bundestrainer Alfred Gislason hat für das zweite Hauptrundenspiel gegen Norwegen Rechtsaußen Mathis Häseler und Matthes Langhoff aus seinem Kader gestrichen. Die Profis der Bundesliga-Klubs VfL Gummersbach und Füchse Berlin fehlen im 16-köpfigen Aufgebot für die EM-Partie gegen die Skandinavier.
Gislason hat 18 Spieler mit zur EM genommen und kann aus diesem Aufgebot für jedes Spiel maximal 16 Spieler nominieren. Häseler hatte bereits zum Hauptrundenauftakt gegen Portugal (32:30) neben Jannik Kohlbacher (Rhein-Neckar Löwen) pausieren müssen. Kohlbacher rückt nun für Langhoff, der beim Vorrundenspiel gegen Serbien (27:30) gefehlt hatte, ins Aufgebot.
Der erste Spieltag der Hauptrunde: Siege für Deutschland, Norwegen und Dänemark
Im ersten Hauptrundenspiel sicherte sich Deutschland mit dem Sieg gegen Portugal weitere Punkte. Nach einer ernüchternden ersten Hälfte ging es mit einem Unentschieden in die Pause. Im weiteren Verlauf war es erneut Wolff, der mit insgesamt 13 Paraden und einer Quote von rund 32 Prozent zum Rückhalt wurde. Offensiv setzte zudem Miro Schluroff ein Ausrufezeichen. Mit sieben Treffern bei acht Versuchen machte der Turnierneuling auf sich aufmerksam und unterstreicht die Breite des deutschen Kaders.
Anschließend lieferten sich die Norweger mit Spanien einen echter Schlagabtausch, der bis zur letzten Sekunde spannend blieb. Am Ende setzten sich die Skandinavier knapp mit 35:34 durch. Wieder übernahm August Pedersen mit elf Treffern die Hauptrolle im norwegischen Team. Den entscheidenden Impuls setzte Tobias Grøndahl wenige Sekunden vor dem Ende, ehe Norwegen den letzten spanischen Kemper-Angriff in Unterzahl abwehrte.
Im letzten Spiel des Abends trafen Frankreich und Dänemark aufeinander. Die Dänen setzten sich mit 32:29 durch, wodurch Deutschland als einziges Hauptrundenteam ohne Minuspunkte dasteht: Ein Status, den das Team gerne beibehalten darf!
Norwegens Vorrundenbilanz
Norwegen startete souverän in das Turnier. Zum Auftakt gelang ein deutlicher Sieg gegen die Ukraine (39:22), anschließend folgte ein weiterer Erfolg gegen Tschechien (29:25). Damit war der Einzug in die Hauptrunde bereits gesichert. Im abschließenden Gruppenspiel gegen Titelverteidiger Frankreich ging es um die Mitnahme von Punkten. Trotz einer starken Offensivleistung musste sich Norwegen mit 34:38 geschlagen geben und startet somit mit zwei Minuspunkten in die Hauptrunde. In der Vorrunde zeigte das Team im Angriff große Stabilität, offenbarten defensiv jedoch immer wieder Lücken: eine Chance, die hoffentlich auch die DHB-Jungs am Samstag nutzen werden.
Spieler von Norwegen im Fokus
Der norwegische Kader ist hochklassig besetzt und umfasst zehn Champions-League-Spieler. Besonders auffällig waren in der Vorrunde die drei Haupttorschützen August Pedersen, Kevin Gulliksen und Sander Sagosen. Pedersen überzeugte auf Linksaußen mit 17 Treffern aus 20 Versuchen und einer Quote von 85 Prozent. Gulliksen stand ihm mit 84,2 Prozent kaum nach. Publikumsliebling Sander Sagosen ist nicht nur als Torschütze aus dem Rückraum gefährlich, sondern glänzte zudem mit 18 Torvorlagen und zählt damit zu den besten Vorbereitern der Vorrunde.
Im Rückraum wird auch Tobias Grøndahl im Fokus stehen. Der Bundesliga-Spieler der Füchse Berlin sucht häufig das Eins-gegen-eins und setzt seine Kreisläufer Martin Hovde, Petter Øverby und Thomas Alfred Solstad clever in Szene. Zwischen den Pfosten ragt Torbjørn Bergerud heraus. Der zwei Meter große Keeper parierte in der Vorrunde 34 von 98 Würfen und kommt auf eine starke Quote von 35 Prozent, ein Wert, der ihn aktuell zu einem der besten Torhüter des Turniers macht.
Bisherige Aufeinandertreffen
Die Duelle zwischen Deutschland und Norwegen haben in den vergangenen Jahren immer wieder für Spannung gesorgt. Vor genau zehn Jahre zum Beispiel standen sich beide Teams im Halbfinale der EHF EURO 2016 gegenüber. Damals setzte sich die DHB-Auswahl durch, zog ins Finale ein und gewann letztendlich das Turnier. Bei der EM 2022 drehte sich das Blatt, als Deutschland mit 23:28 den Norwegern unterlag. Die jüngste Begegnung fand bei der Weltmeisterschaft vor drei Jahren statt, dort gewann Deutschland mit 28:24.
Bisher steht der erste EM-Titel für Norwegen noch aus. Die beste Platzierung erzielten sie 2020 mit Rang drei. Nach schwächeren Turnieren nehmen die Norweger als Mit-Gastgeber nun erneut Kurs auf vordere Ränge. In dieser starken Hauptrundengruppe ist jedes Spiel ein Endspiel, also steht volle Konzentration des DHB-Teams auf dem Programm.
(KF)